LESEPROBE

"abgefahren"

Das Mädchen sitzt am Schreibtisch, vor sich ein Buch. Den Kopf hat sie so in die Hände gestützt, dass die Hände die Ohren bedecken. "a² + 2ab ...", murmelt sie. Wie gern wäre sie mit nach Düsseldorf gefahren! Hinter ihrem Rücken vibriert das Handy auf dem Bett.

Der Grauhaarige duscht ausgiebig. "Geschäftsessen", hat er seiner Frau gesagt. Sie hat sich nicht umgedreht, guckt Markus Lanz.

Zwischen dem Top der Blonden und dem Nietengürtel ist viel solariumbraune Haut. Nur im Nabel glitzert es neckisch. "Ganz alleine hier?", fragt sie. Der Junge bestellt ihr einen Cocktail und schreibt auf dem Klo eine SMS. Warum ist sie auch nicht mitgekommen!

Der Bulgare versucht es in der Charlottenstraße. Er erkennt die Bullen in Zivil sofort, die die Mädchen vom Babystrich ansprechen. Man sieht es an ihrer Haltung. Er schlendert in Richtung Bahnhof.

Das Handy hat sich selbständig gemacht. Es vibriert bis an den Rand des Bettes und fällt auf den Boden. Das Mädchen schreckt auf, dreht sich um, entdeckt das Handy, hebt es auf.

An der Wohnzimmertür zögert der Grauhaarige, geht dann zu der Frau auf dem Sofa und drückt ihr von hinten einen Kuss auf den Kopf. Sie schnuppert, sagt: "Bleib anständig." Er zieht die Haustür hinter sich zu.

Die Blonde schmiegt sich beim Tanzen so an den Jungen, dass er Mühe hat, seine Erektion zu verbergen. Er fixiert die Leuchtschrift vor dem geflügelten Logo: "Rheingold". Darunter: "Orange Club".

Der Bulgare versucht es in der Nähe der Bahnhofstoilette. Er überlegt nach Köln zu fahren. Da ist es einfacher. Aber das kostet Zeit und Geld. Er hat diesen Monat noch nicht viel verdient. Die Kinder brauchen Schuhe, hat seine Frau am Telefon gesagt. Sie wachsen so schnell. Weihnachten hat er sie kaum wiedererkannt.

Als das Mädchen auf dem Bahnsteig ankommt, schließt die S-Bahn Richtung Düsseldorf eben die Türen. Sie rennt auf den Zug zu. Er setzt sich in Bewegung. Wieso sieht der Fahrer sie nicht? Verzweifelt legt sie noch einen Zahn zu, winkt – und rutscht aus. Stürzt. Fällt.

Der Junge ist kurz davor, die Blonde im Stehen zu vögeln. Während ihre Zungen einander umschlingen, er ihren Hintern an sich presst, schiebt sie die Hand vor den nackten Bauch, zerrt an seinem T-Shirt, Haut reibt sich an Haut, sie fingert an seinem Reißverschluss, er stöhnt. Lippen nähern sich seinem Ohr. Es kribbelt. "Fünfzig Euro auf dem Klo", flüstert sie.

"Hundert Euro auf dem Klo", zischt der Bulgare. Der Dicke schnaubt. Egal! Der Fettsack stinkt derart nach Schweiß, dass er nicht nur die Augen schließen, sondern sich auch die Nase wird zuhalten müssen. Wenn er nur auch das Denken abstellen könnte! Die Schande! Er nimmt trotzdem keine Drogen. Dann wäre das Geld ja gleich weg. Als der Dicke mit dem kleinen Junkie abzieht, ist er erleichtert. Und verzweifelt.

Als der Grauhaarige auf dem Bahnsteig ankommt, hört er, wie die Bahn sich ratternd entfernt. Abgefahren! Verärgert geht er zum Kasten mit dem Aushang. Hat er wieder eine Planänderung verpasst? Vor ihm klettert ein Mädchen von den Gleisen auf den Bahnsteig. Stemmt sich mühsam hoch. Er wendet sich dem Glaskasten zu. Horcht auf ihre Schritte in seinem Rücken. Nein, er hat keinen Euro! Wer will, findet immer eine Möglichkeit Geld zu verdienen! Sie torkelt zur Treppe.

Der Junge steht unschlüssig im Bahnhof herum. Der Abend ist noch jung. Zurückzufahren käme im Moment nicht gut. Warum hat er nur diese verdammte SMS geschrieben? Wegen dieser Nutte! Er spuckt auf den Boden. "Zeigen Sie bitte Ihren Ausweis", sagt eine Stimme hinter ihm.
Das fehlte gerade noch.

Zu Hause angekommen, schmeißt das Mädchen sich aufs Bett, fühlt sich vollkommen überfahren. Was für ein Zufall, dass sie genau zwischen die Schienen gestürzt ist! Der verdammte Fahrer hatte nichts mitgekriegt! Das Handy vibriert wieder. Sie schluchzt trocken. Am Ende hätte das Arschloch noch geglaubt, sie hätte sich seinetwegen vor den Zug geschmissen! So viel Mathe hat sie trotz allem kapiert: Eins und eins ist nicht zwei!

Der Bulgare hat die Bullen beobachtet. Lächerlich! Was für ein Jüngelchen! Den Grauhaarigen registriert er erst, als er vor ihm steht. Guter Kunde! Zumindest wäscht der sich vorher. Und zahlt die hundert Euro. Und will es nur mit Gummi. Aber jetzt haben die Bullen sie beide entdeckt. Er rennt los, will an ihnen vorbei, rempelt den Jungen an, der das Portemonnaie noch in der Hand hat, es wirbelt durch die Luft, fällt, Münzen und Papiere rutschen raus. Der Bulgare rennt weiter.

Die Fahrkarte ist weg! Das Geld auch. Zu viele klaubende Hände. Er wird sie anrufen müssen. Sie bitten ihn abzuholen. Ehe der Junge es aus der Tasche ziehen kann, vibriert sein Handy. "Der Zug ist abgefahren!", liest er. Er riecht den Grauhaarigen, ehe er ihn sieht. Stand der nicht eben noch neben dem Typ, der ihn umgerannt hat? "Hundert Euro mit Gummi", raunt der Grauhaarige.

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